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Pressemitteilungen


 

  


Studienausstellung:

Eugène Delacroix
SPIEGELUNGEN
Tasso im Irrenhaus

6. September – 14. Dezember 2008
Dienstag bis Sonntag 1017 Uhr, Mittwoch 10 20 Uhr, Montag geschlossen

 

Die Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz», Winterthur, setzt die 2005 begonnene Reihe ihrer Studienausstellungen mit einer kleinen, doch höchst erlesenen Werkschau des französischen Künstlers Eugène Delacroix (1798–1863) fort. Als letzte Sonderausstellung vor der zweiten Umbauphase des Museums (15. Dezember 2008 – Mitte 2010) eröffnet sie mit ihrem künstlerischen Reichtum und ihrer Intensität vielversprechende Perspektiven für die Zukunft unseres Hauses. Ausgangspunkt der Präsentation ist ein Juwel des umfangreichen Delacroix-Bestandes im Römerholz: Tasso im Irrenhaus aus dem Jahre 1839. Zum ersten Mal nach über 140 Jahren wird Delacroix’ Gemälde zusammen mit der früheren Version von 1824 gezeigt, die sich heute in Privatbesitz befindet. Der Vergleich der beiden Bilder und die Zusammenschau mit weiteren 26 ausgewählten Arbeiten des französischen Künstlers erlauben eine neue Sicht auf dieses Schlüsselwerk der Kunstgeschichte. Darüber hinaus beleuchtet die thematische Vielfalt der Ausstellung den Selbstentwurf eines grossartigen Künstlers an der Schwelle zur Moderne.


Torquato Tasso war seit 1565 als Schriftsteller am Hof des aus der Familie der Este stammenden Herzogs Alfonso II. von Ferrara tätig, wo er sein Hauptwerk Das befreite Jerusalem schrieb. 1579 liess der Herzog den als Menschen und Künstler nie gefestigten Dichter in die Irrenanstalt von Sant’Anna in Ferrara sperren. Delacroix war weniger vom literarischen Werk Tassos als von seinem tragischen Schicksal fasziniert, um das sich schon sehr früh ein Kranz von Legenden gewoben hatte. Er fand in dem verkannten Genie einen Spiegel für das eigene Ringen um eine Identitätsbestimmung als Künstler innerhalb der gesellschaftlichen Bedingungen, wie sie Aufklärung, Revolution und Restauration herbeigeführt hatten.

Die Ausstellung gruppiert um die beiden Tasso-Bilder eine Auswahl von Gemälden, Druckgraphiken und Zeichnungen Delacroix’ aus der Zeit von circa 1823 bis 1861, die gleichfalls zu den Arbeiten des Künstlers im mittleren bis kleineren Format gehören. Mehr als in den heute bekannteren Galeriebildern konnte Delacroix hier seinem privaten Anliegen nachgehen: der Suche nach grossen Vorbildern, die ihm wie in einem Spiegel seine vielfach gefährdete Künstleridentität bestätigten. Im Vordergrund standen dabei bedeutende Figuren der Literatur und der bildenden Künste wie Johann Wolfgang Goethes Faust, William Shakespeares Hamlet oder der Melancholiker Michelangelo, die, ähnlich wie Tasso und Delacroix selbst, tragisch gebrochene Formen geistigen Schaffens repräsentieren.

Die Anverwandlung dieser Gestalten liess Delacroix ein neues entsprechend individuelles Verständnis von Mythologie, Geschichte, Religion und Natur entwickeln. Die Ausstellung veranschaulicht diese Spiegelungen und legt mit dieser neuen Sicht überraschende Aspekte der gestalterischen Strategien des Künstlers frei.Die Enthüllung dieses Geflechts der Motive und der persönlichen Schicksale sind Frau Prof. Dr. Margret Stuffmann, der ehemaligen Leiterin der Graphischen Sammlung im Städel Museum, Frankfurt am Main, und ihrer langjährigen Auseinandersetzung mit der französischen Kunst des 19. Jahrhunderts zu verdanken. Im Katalogbuch zur Ausstellung werden die malerischen Dialoge des Eugène Delacroix durch qualitätvolles Bildmaterial anschaulich gemacht und mit Beiträgen renommierter Wissenschaftler in ihrer gedanklichen Tragweite ausführlich dargestellt.

Juli 2008

 

Weitere Auskünfte:
Dr. Mariantonia Reinhard-Felice
Leiterin
T +41 52 269 27 41
F +41 52 269 27 44
sor@bak.admin.ch

Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz»,
Haldenstrasse 95, CH-8400 Winterthur

 

 

 

Eugène Delacroix, Tasso im Irrenhaus (Tasso im Ospedale di Sant’Anna in Ferrara), 1824, Öl auf Leinwand, 50 x 61,5 cm
Privatsammlung, Courtesy Nathan Fine Art, Berlin und Zürich (Photo: © Nathan Fine Art, Berlin)

 

Eugène Delacroix, Tasso im Irrenhaus (Tasso im Ospedale di Sant’Anna in Ferrara), 1839, Öl auf Leinwand, 60 x 50 cm
Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz», Winterthur (Photo: © Bundesamt für Kultur, Bern)

 

   

Eugène Delacroix, Der Tod des Sardanapal, Ölskizze, 1827/28, Öl auf Leinwand, 81 x 100 cm
Musée du Louvre, département des Peintures, Paris (Photo: © Réunion des musées nationaux, Paris, Aufnahme Jean-Gilles Berizzi)

Eugène Delacroix, Michelangelo in seinem Atelier, 1850, Öl auf Leinwand, 41 x 33,5 cm
Musée Fabre, Montpellier (Photo: © Museum, Aufnahme Frédéric Jaulmes)

     
 

Eugène Delacroix, Die Beweinung Christi, 1857, Öl auf Leinwand, 38 x 46,3 cm
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe


  


Veranstaltung:

Honoré Daumier in der Sammlung «Am Römerholz»
9. Februar – 24. August 2008

Die Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz» besitzt ein umfangreiches Ensemble an Gemälden und Zeichnungen von Honoré Daumier, die zu den Höhepunkten seines Schaffens gehören und den Bestand als eine der weltweit grössten und besten Daumier-Sammlungen ausweisen.
Anlässlich des 200sten Geburtstages des französischen Künstlers stellt das Römerholz diesen einzigartigen Fundus in einer neuen Präsentation vor. Integriert ist auch eine Auswahl graphischer Blätter, die im Museum Oskar Reinhart am Stadtgarten aufbewahrt werden. Während der gesamten Dauer der Veranstaltung zu Ehren Daumiers wird im Römerholz auch der Film der Kunsthistorikerin und Filmemacherin Judith Wechsler Honoré Daumier. Il faut être de son temps gezeigt. Der im Original französische Film wurde eigens für unsere Ausstellung ins Deutsche übertragen.
Darüber hinaus organisiert die Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz» ein Symposium, in dem sieben internationale Fachleute, die mit dem Werk Daumiers bestens vertraut sind, neues Licht auf bereits Bekanntes werfen und noch Unbekanntes aufdecken. Dieses Kolloquium ist gleichermassen an Fachleute wie an Daumier- und Kunstliebhaber gerichtet.

Honoré Daumier (1808–1879) wurde in Marseille geboren und verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in Paris. Die finanziellen Umstände der Familie zwangen ihn schon in jungen Jahren, seinen Lebensunterhalt weitgehend selbst zu verdienen. Und so experimentierte er bereits als Vierzehnjähriger mit der Technik der Lithographie.

Das Jahr 1830 brachte nicht nur für Frankreich, sondern auch für Daumier eine entscheidende Wende. Nachdem im Juli der Bourbonen-König Karl X. die neu gewählte Abgeordnetenkammer aufgelöst hatte, kam es zu einem Aufstand, an dessen Ende Louis-Philippe neuer König der Franzosen wurde. Zeitgleich begann Daumier seine über Jahre andauernde Tätigkeit als Pressezeichner, während deren er insgesamt etwa 4000 Lithographien schaffen sollte, zunächst für die satirische Zeitschrift La Caricature, ab 1832 dann für das ihr nachfolgende Satireblatt Le Charivari. Seine überspitzte Darstellung des Königs Louis-Philippe als Gargantua, einer Monsterfigur aus der gallischen Mythologie, die François Rabelais als Romanfigur hatte aufleben lassen, brachte dem Künstler 1832 eine Gefängnisstrafe von sechs Monaten ein. Darauf nimmt die am 14. März 1834 in Le Charivari erschienene und hier ausgestellte Lithographie Souvenir de Sainte-Pélagie Bezug, die drei Gefängnisgefährten Daumiers in einer Zelle zeigt. Die Repressionen gegen die Presse in den folgenden Jahren zwangen Daumier, die politische Karikatur weitgehend aufzugeben und sich verstärkt der bürgerlichen Sitten anzunehmen, denen er bis zu seinem Lebensende sein kritisches und scharf beobachtendes Auge lieh.

1925 erwarb Oskar Reinhart bei der Galerie Ernst Arnold in Dresden en bloc 1800 Lithographien, die die meisten in Le Charivari erschienenen Folgen umfassen. Reinhart überliess dieses umfangreiche graphische Werk dem Museum Oskar Reinhart am Stadtgarten und behielt Daumiers Gemälde und Zeichnungen in seiner ganz privaten Sammlung «Am Römerholz» zurück. Daumiers karikaturistisches Werk traf zwar auf Reinharts schon legendären Sinn für Humor, die eigentliche Liebe des Sammlers galt jedoch dem malerischen Œuvre, das sich allerdings zu Lebzeiten des Künstlers lange nicht derselben Popularität erfreut hatte wie sein lithographisch-satirisches Schaffen und erst im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts in Deutschland wiederentdeckt wurde. Diese Aufwertung hatte Oskar Reinhart miterlebt, und entsprechend der deutschen Rezeption feierte er Daumier als einen Brennpunkt der künstlerischen Entwicklung im Frankreich des 19. Jahrhunderts, die schliesslich zum Impressionismus führen sollte. Als einen «Triumph des Malerischen» wertete Reinhart die impressionistische Ära und hatte sie deshalb ins Zentrum seines Interesses gestellt.

Tatsächlich lassen sich die Zeichnungen und Gemälde weit besser als die Karikaturen mit Reinharts Wahrnehmung von Daumier eher als Formfinder denn als Erzähler und kritisch beobachtendem Zeitgenossen in Verbindung bringen. Der unmittelbare Vergleich in der Ausstellung zwischen den karikaturistischen Lithographien und den Zeichnungen Daumiers zeigt, dass der Künstler hier zwar zahlreiche Themen seines druckgraphischen Werkes übernimmt, wie etwa die Advokaten, die Kunstbetrachter und das Theater, diese Motive aber nicht als aktuelles Tagesgeschehen dramatisch inszeniert, sondern das jeweils Typische der einzelnen Stände, Berufe und gesellschaftlichen Lebensformen, deren Verhaltensweisen und Gebaren mit eindrucksvoller Ökonomie einfängt.
Die Theaterszenen weisen eine besondere Vorliebe für Molières Komödien auf, wobei der Blick in den Zuschauerraum den Künstler oft mindestens so sehr fasziniert hat wie das Geschehen auf der Bühne. Die Liebe für das Theater lässt sich auch bei anderen Sujets erkennen. So ist auf dem Blatt Die beiden Ärzte und der Tod aus der Sammlung «Am Römerholz», einer Illustration von Jean de La Fontaines Fabel Les Médecins, die Erzählung in ein dramatisches Bühnenstück umgesetzt.

Daumiers Arbeiten auf Papier, die das Römerholz vorzuweisen hat, decken die Etappen seines malerischen Werkes ab. Reinharts Bedürfnis nicht nur nach malerischen Qualitäten, sondern auch nach der ausgewogenen, vollendeten Form, die im allgemeinen seine Ankäufe charakterisiert, liess ihn jedoch den Aquarellen aus den sechziger Jahren den Vorzug geben. Diese sind bildmässig ausgeführt und waren für den Verkauf an Sammler bestimmt. Daumier wollte mit ihnen offenbar Kapital aus seinem Ruhm als Karikaturist schlagen und gleichzeitig seine malerische Meisterschaft unter Beweis stellen.

Auch die Gemälde, die Oskar Reinhart erworben hat, lassen die verschiedenen Phasen des malerischen Werkes nachvollziehen, wobei erneut die Arbeiten der sechziger Jahre dominieren, in denen sich Daumier auf die Malerei konzentriert hat. Sie entsprechen denselben ästhetischen Massstäben, die Reinhart bei der Wahl der Zeichnungen und Aquarelle geleitet haben.

In den Gemälden fehlen die karikierenden Elemente nahezu völlig, hier wandte sich der Maler einer sozialkritisch motivierten Darstellung des «einfachen Volkes» zu. Ein Hauptwerk unter den Gemälden Daumiers in der Römerholz-Sammlung sind Die Flüchtlinge. Insgesamt 29 Jahre lang strebte Reinhart danach, das Gemälde zu erwerben. 1949 schliesslich gelang es ihm, das begehrte Werk aus der Berliner Sammlung Otto Gerstenberg nach Winterthur zu holen. Datiert 1848, entstand es in den Jahren, in denen sich Daumier zunehmend der Malerei widmete. Das Sujet hat der Künstler in vier Gemälden, drei Zeichnungen und zwei Reliefs wiederholt aufgegriffen. Es zeigt einen nicht enden wollenden Strom von Menschen, der sich durch eine nicht identifizierbare hügelige Landschaft zieht. Auch die nackten oder nur mit Lumpen bekleideten einzelnen Figuren sind nicht näher differenziert. Das Gemälde scheint sich nicht auf ein konkretes historisches Ereignis zu beziehen, etwa die Juniinsurrektion, bei der der Aufstand der Ärmsten der Armen durch die Nationalgarde mit äusserster Gewalt niedergeschlagen wurde, nachdem man im Februar desselben Jahres den Bürgerkönig Louis-Philippe gestürzt und die Zweite Republik ausgerufen hatte und bereits im darauffolgenden April die Konservativen einen durchschlagenden Wahlsieg hatten feiern können. Der Künstler suchte vielmehr nach einer Metapher für das Schicksal von Flüchtlingen überhaupt, und so gelang ihm eine Darstellung von brisanter Aktualität.

Innerhalb seines malerischen Œuvres beschäftigte sich Daumier zunächst in den fünfziger Jahren und dann mit noch grösserer Intensität nach 1860 mit einem neuen Thema: Don Quijote und Sancho Panza. Gleich drei Werke der Daumier-Gruppe im Römerholz behandeln dieses Sujet, mit dem Daumier die Dualität der aus dem Irdischen und dem Geistigen sich zusammensetzenden Einheit des Menschen beleuchtet.

Das späteste Werk der Gemäldegruppe im Römerholz zeigt einen singenden Pierrot mit Mandoline (um 1873). Der skizzenhafte Duktus des Pinselstrichs geht auf Jean-Honoré Fragonard (1732–1806) zurück, wie die Gegenüberstellung des Gemäldes und dreier Zeichnungen dieses Künstlers aus der Sammlung «Am Römerholz» deutlich macht. Trotz des wirren und abstrakten Liniengefüges bewahrt der Singende Pierrot mit Mandoline jedoch im Vergleich zu ähnlich konzipierten, wilden Zeichnungen und Gemälden aus dem Spätwerk noch eine gewisse Plastizität, die dem Geschmack Reinharts nach einer klassizistisch befriedeten Form entspricht. Diese ästhetisierende Anschauung Daumiers verband sich bei Reinhart mit seinem untrüglichen Sinn für Qualität, der uns nicht nur ein in sich stimmiges und harmonisches, sondern auch ein hochkarätiges Daumier-Ensemble geschenkt hat, das bis heute seinesgleichen sucht.

 

Symposium in der Gemäldegalerie:

«Honoré Daumier
Wiederbegegnungen und neue Einsichten»

Samstag, 9. Februar 2008

10.00 Uhr
Eröffnung und Blick auf die Beziehung von Oskar Reinhart zu Honoré Daumier
Mariantonia Reinhard-Felice
Leiterin der Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz»

10.30 Uhr
Juerg Albrecht, Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft, Zürich
«Bild als Waffe. Die politischen Lithographien des jungen Honoré Daumier zwischen Karikatur und Historienbild, 1830–35»

11.00 Uhr
Judith Wechsler, Department of Art and Art History, Tufts University, Medford, Massachusetts
«Daumier: Allegorical versus Activist Women» (in englischer Sprache)

11.30 Uhr
Elizabeth C. Childs, Department of Art History and Archaeology, Washington University, Saint Louis, Missouri
«Strategies of Humor in Daumier’s Art» (in englischer Sprache)
(Vortrag ausgefallen)

12 Uhr
Diskussion, moderiert von Philippe Kaenel, Université de Lausanne, und Bernhard von Waldkirch, Kurator der Daumier-Ausstellung im Kunsthaus Zürich

14.30 Uhr
Ségolène Le Men, Université de Paris X-Nanterre, Mitglied des Institut universitaire de France
«Entre mémoire et imagination, le cycle des amateurs et l’évocation du musée imaginaire selon Daumier» (in französischer Sprache)

15.00 Uhr
Margret Stuffmann, Frankfurt am Main
«Daumier – der Blick nach innen. Beobachtungen zu seinem Spätwerk»

15.30 Uhr
Rainer Michael Mason, Genf
«Daumier, la technique et l’écriture» (in französischer Sprache)

16.00 Uhr
Philippe Kaenel, Université de Lausanne
«Les Points de vue de Daumier» (in französischer Sprache)

16.30 Uhr
Diskussion, moderiert von Andreas Beyer, Universität Basel

 

Wir bitten Sie, Ihre Teilnahme per Fax oder E-Mail zu bestätigen.

 

Weitere Auskünfte:
Dr. Mariantonia Reinhard-Felice
Leiterin
T +41 (0)52 269 27 41
F +41 (0)52 269 27 44
sor@bak.admin.ch

Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz»,
Haldenstrasse 95, CH-8400 Winterthur

 

 

 

Honoré Daumier (1808–1879), Rückkehr vom Markt, um 1855/60, Öl auf Leinwand, 35,5 x 28 cm
Sammlung Oskar Reinhart ‘Am Römerholz’, Winterthur (Photo: © Bundesamt für Kultur, Bern)

 

Honoré Daumier, Die Graphikliebhaber, um 1860/63, Feder und Aquarell auf Papier, 18 x 24,4 cm
Sammlung Oskar Reinhart ‘Am Römerholz’, Winterthur (Photo: © Bundesamt für Kultur, Bern)

Honoré Daumier, Singender Pierrot mit Mandoline, um 1873, Öl auf Holz, 35 x 27 cm
Sammlung Oskar Reinhart ‘Am Römerholz’, Winterthur (Photo: © Bundesamt für Kultur, Bern)

 

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Studienausstellung:

Venite, adoremus
Geertgen tot Sint Jans und die Anbetung der Könige

22. September 2007 bis 27. Januar 2008

 

Mit der neuen Ausstellung setzt die Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz» eine Reihe fort, die 2005 mit Manet trifft Manet begonnen hat. Sie ist darauf ausgerichtet, ein Werk oder eine Werkgruppe der Sammlung in einem präzisen Kontext zu studieren und neu zu beleuchten. So stellt Venite, adoremus. Geertgen tot Sint Jans und die Anbetung der Könige eines der bemerkenswertesten Gemälde der kleinen, aber hochkarätig bestückten Abteilung Alter Meister der Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz» in den Fokus: die bislang Geertgen tot Sint Jans zugeschriebene Anbetung der Heiligen Drei Könige. Die Ausstellung analysiert die Beziehung dieses im späten 15. Jahrhundert tätigen Künstlers zu dem Werk und unternimmt dazu einen Vergleich mit zwei eindeutig Geertgen zuzuweisenden Fassungen desselben Themas: den bedeutenden Königsanbetungen aus der Národní galerie v Praze (Nationalgalerie Prag) und dem Cleveland Museum of Art. Damit kommt die Ausstellung ihrem ursprünglichen Ziel sehr nahe, die vier Darstellungen mit der Anbetung der Heiligen Drei Könige, die sich zu Geertgen in Beziehung setzen lassen, erstmals zusammenzuführen - eine vierte Anbetung befindet sich im Rijksmuseum in Amsterdam und wird zur Zeit restauriert, so dass sie nicht in die Ausstellung integriert werden konnte. Die drei gezeigten Anbetungstafeln werden aber durch eine entzückende Madonna mit Kind aus der Biblioteca Ambrosiana in Mailand ergänzt, deren miniaturhafte und puppenhafte Züge sowie meisterhafte Ausführung sie zu einer der grössten Kostbarkeiten im Schaffen des altniederländischen Meisters macht. Bedenkt man das schmale Oeuvre Geertgens, dieses als erster grosser Maler der nördlichen Niederlande angesehenen Künstlers, erscheint solch eine Konzentration von Werken um so erstaunlicher.


Ausgangspunkt des Projekts war die Restaurierung des Winterthurer Gemäldes, die das Museum Bruno Heimberg anvertraut hat und die 2006/07 im Doerner Institut der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München ausgeführt werden konnte. Die Ausstellung dokumentiert zusammenfassend deren Ergebnisse sowie die technischen Untersuchungen, die das Doerner Institut aus diesem Anlass durchgeführt hat, und vermag dadurch so manches Geheimnis der Malerei und der Arbeitsweise dieses Meisters preiszugeben.

Geertgen lebte bei den Johannitern in Haarlem, woher er seinen Namen «tot Sint Jans» erhielt. Er starb wohl schon mit 28 Jahren und wird von 1480/85 bis 1490/95, also nur während einer Dekade, als Maler tätig gewesen sein. Da die Künstler vor der Renaissance ihre Werke selten signiert haben, ist deren Identifizierung einzig durch schriftliche Dokumente möglich. Für Geertgen ist auf diese Weise lediglich ein Werk bezeugt, nämlich die Aussen- und Innenseite eines Flügels vom Hauptaltarretabel der Haarlemer Johanniterkirche, der sich heute im Kunsthistorischen Museum Wien befindet. Diese beiden reifen, souverän konzipierten und meisterhaft ausgeführten Gemälde, die der Maler in seinen letzten Lebensjahren geschaffen haben dürfte, setzen den Massstab für jede Zuschreibung weiterer Werke an Geertgen.

Vor diesem Hintergrund konnten die beiden Kenner der altniederländischen Malerei, Stephan Kemperdick (Konservator Alter Meister im Kunstmuseum Basel) und Jochen Sander (Leiter der Gemäldeabteilung Niederländische und Italienische Malerei vor 1550 im Städel Museum in Frankfurt am Main), denen das Museum die kunsthistorische Auswertung der Befunde und Entdeckungen aus der Restaurierung der Römerholz-Tafel anvertraut hatte, eine neue, sehr überzeugende Chronologie der vier genannten mit Geertgen in Zusammenhang stehenden Anbetungsdarstellungen erarbeiten. Sie geht aus Verknüpfungen und Unterschieden in der Darstellungsweise hervor, die auch in der Ausstellung durch die direkte Gegenüberstellung fast aller dieser Gemälde klar zu erkennen sind: So zeigt die Winterthurer Anbetung zwar grosse Ähnlichkeiten mit der Prager Anbetung (um 1490) und insbesondere mit derjenigen in Cleveland (um 1490), dennoch unterscheidet sie sich von diesen beiden Hauptwerken Geertgens so sehr, dass sie von einer eigenständigen Künstlerpersönlichkeit stammen muss. Dies zeigt auch der Vergleich der Winterthurer Anbetung mit der Madonna mit Kind aus Mailand (um 1490), die für den Stil Geertgens sehr charakteristisch ist. Thematisch steht sie dem Winterthurer Werk näher als die Hauptwerke Geertgens in Wien und wurde deshalb auch für die Ausstellung als Exponat ausgewählt.

Der Meister der Winterthurer Anbetung könnte bei Geertgen gelernt haben, hat aber das Werk wahrscheinlich erst nach dessen Tod geschaffen. Solch eine Datierung des Gemäldes um 1495 bestätigt auch die naturwissenschaftliche Bestimmung seines Alters, die dendrochronologische Untersuchung des Holzträgers und seiner Jahrringe. Zugleich zeigt sich, wie positiv diese neue Zuweisung zu bewerten ist. Sie hebt einerseits die Eigenheiten des altniederländischen Gemäldes hervor, anderseits ermöglicht sie es, das eigene Schaffen Geertgens klarer zu umreissen und seine Wirkung auf die nächste Generation zu ermessen.

Die Verdeutlichung dieser Zusammenhänge, die eine Konzentration auf wenige und sehr verwandte Werke erlaubt, eröffnet nicht nur dem Fachmann neue Perspektiven, sondern lässt jeden Betrachter an der Faszination der kunsthistorischen Suche nach Klarheit und Authentizität teilhaben. Die für die niederländische Malerei typische wirklichkeitsnahe und detailfreudige Darstellung des biblischen Geschehens auf den drei Anbetungen lädt darüber hinaus den Besucher zur intensiven Auseinandersetzung mit den Gemälden und zum Mitfühlen ein. Der Dialog zwischen den verschiedenen Anbetungen sowie die farbige und leuchtende Pracht der Gewänder und Goldschmiedearbeiten der Heiligen Drei Könige vermitteln nicht zuletzt auch eine besonders reizvolle vorweihnächtliche und weihnächtliche Stimmung, die durch ein entsprechendes Begleitprogramm im Römerholz unterstreichen wird.

Im reich illustrierten Katalog, der in deutscher und in englischer Sprache beim Hirmer Verlag München erscheint, werden die neuen Resultate eingehend erörtert.

 

Weitere Auskünfte:
Dr. Mariantonia Reinhard-Felice
Leiterin
T +41 (0)52 269 27 41
F +41 (0)52 269 27 44
sor@bak.admin.ch

Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz»,
Haldenstrasse 95, CH-8400 Winterthur

 

Geertgen tot Sint Jans (um 1465–um 1490/95), Triptychon, um 1490, Eichenholz
Mittlere Tafel: Die Anbetung der Heiligen Drei Könige, 111,2 x 69,5 cm; linker Flügel: Der heilige Bavo mit Stifter, 71 x 38,7 cm; rechter Flügel: Der heilige Hadrian mit Stifterin, 70,8 x 38,8 cm
Nationalgalerie Prag, Leihgabe der Kunstsammlungen der Prager Burg (Photos von Jan Gloc, © Picture Library of the Prague Castle)

Geertgen tot Sint Jans, Die Anbetung der Heiligen Drei Könige, um 1490, Eichenholz, 29,3 x 18,9 cm
The Cleveland Museum of Art (Photo: © Museum)

Geertgen tot Sint Jans, Madonna mit Kind, um 1490, Eichenholz, 11,8 x 8,7 cm
Veneranda Biblioteca Ambrosiana, Mailand, Pinacoteca (Photo: © Museum)

Geertgen tot Sint Jans, Nachfolge, Die Anbetung der Heiligen Drei Könige, um 1495, Zustand nach der Restaurierung von 2006/07, Eichenholz, 134,5 x 100,9 cm
Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz», Winterthur (Photo von Bruno Hartinger, © Bundesamt für Kultur, Bern)

 

 

 


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