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Mit alten Schätzen zum ewig Neuen
Die Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz» bleibt wegen Baumassnahmen technischer Art bis zum 30. Oktober 2010 geschlossen. Gemeinsam mit dem Kunstmuseum Winterthur öffnet sie am 31. Oktober 2010 wieder ihre Tore.
Dank umsichtiger Baumassnahmen kann die Sammlung wieder in ihrem authentischen Umfeld präsentiert werden. In Zeiten, in denen private Sammlungen unter dem Druck finanzieller und logistischer Zwänge in öffentliche Museen integriert werden, bietet sich dem Kunstinteressierten nur noch selten die Möglichkeit, in privatem Rahmen Kunst zu erleben. Dem Bundesamt für Kultur, das für die Sammlung verantwortlich zeichnet, und dem Bundesamt für Bauten und Logistik, das in seinem Auftrag die Renovation ausgeführt und finanziert hat, ist es gelungen, eine anspruchsvolle Aufgabe zu lösen: die Museumstechnik auf den neuesten Stand zu bringen, ohne die besondere Atmosphäre des Hauses zu zerstören. Dieses Resultat und die Tatsache, dass während der Umbauphase nur ein Teil der Sammlung öffentlich zugänglich ist (Ausstellung: Im Dialog – die zwei Sammlungen Oskar Reinhart, Museum Oskar Reinhart am Stadtgarten, Winterthur, bis 1. August 2010), legen nahe, die Sammlung in ihrer Gesamtheit in den Mittelpunkt der Wiedereröffnung zu rücken. In neuem Zusammenspiel werden die Meisterwerke präsentiert und verdichten sich zu einem visuellen Erlebnis, das Raum für neue Entdeckungen lässt. Um die volle Wirkung der eigenen Bestände nicht zu mindern, wird die nächste Ausstellung 2011 eröffnet.
5. Februar bis 15. Mai 2011
Im Zentrum der für das kommende Frühjahr angesetzten Studienausstellung steht ein herausragendes Gemälde aus der umfangreichen und bedeutenden Gruppe von Werken Camille Corots, die die Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz» ihr eigen nennen darf: Lesendes Mädchen. Dieses eindrucksvolle Bild wird in einen Kontext von Gemälden und Zeichnungen des Künstlers gestellt, welche die Verankerung des Lektürethemas innerhalb der für Corot spezifischen Gattung von Figurenbildern erhellen und zugleich einen repräsentativen Überblick über diesen Schaffenszweig als Ganzes bieten können. Dabei wird ein Ensemble sorgfältig ausgewählter Schlüsselwerke aus nationalen und internationalen Sammlungen und Museen die entscheidenden Wendepunkte in der Kreativität des Figurenmalers Corot dokumentieren. Dass Corots Figurenmalerei zuletzt im Jahre 1962 vom Musée du Louvre zum Gegenstand einer Ausstellung gemacht worden ist, spiegelt den relativ geringen Stellenwert wider, den die Forschung diesem Genre im Schaffen des bedeutenden Künstlers lange Zeit zugestanden hat. Für Corot soll es sich dabei nur um ein rein ergänzendes Vergnügen neben seiner primären Vorliebe für die Landschaftsmalerei gehandelt haben. Dementsprechend seien im Gegensatz zu seinen Landschaften die Figuren auch nur einem engen Freundeskreis bekannt gewesen. Diese These wird von der Notiz des Corot-Biographen Alfred Robaut gestützt, wonach dessen Schwager Charles Desavary bei dem Künstler auf eine Art Tresor gestossen sei, eine Armoire secrète, in der Corot seine Figurenbilder aufbewahrt habe. Doch gibt es genügend Beweise für die ausgeprägte Leidenschaft des Landschaftsmalers auch für die menschliche Figur. Hier fand er zu einer ganz eigenen, persönlichen Bildsprache: Der Maler liess vorwiegend weibliche Modelle in seinem Atelier posieren, kleidete sie in exotische Kostüme und versah sie mit Attributen wie Büchern oder Musikinstrumenten, um so zu einer überhöhten Gestalt zu gelangen, deren Innerlichkeit aus dem Gefüge und der Stimmung des gesamten Bildes spricht.
Zum Verständnis der Figuren innerhalb des Gesamtœuvres von Corot trägt in der Ausstellung die Untersuchung von zwei weiteren für dieses spezifische Genre grundlegenden Themensträngen bei. Den einen bilden die wichtigsten künstlerischen Traditionen, aus denen heraus sich Corots Figurenbilder entwickelt haben, den anderen die Verbindungen zwischen dem Figurenmaler und dem Landschaftsmaler Corot.
Das Projekt vertieft so einen bestimmten Aspekt der vom Genfer Musée d’Art et d’Histoire für die Zeit vom 24. September 2010 bis zum 9. Januar 2011 geplanten Ausstellung über Corot und die Schweiz, dem dort kein besonderes Gewicht zukommt. In ihrem unterschiedlichen Konzept werden sich die beiden aufeinanderfolgenden Ausstellungen zu einer fruchtbaren Corot-Saison ergänzen.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog in einer deutschen und einer englischen Ausgabe mit Beiträgen namhafter Corot-Kenner.

Camille Corot, Lesendes Mädchen, um 1855/65, Öl auf Leinwand
Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz», Winterthur