Neue Veranstaltungsreihe: «Historisch belastete Kontexte einer Sammlung»
Historisch belastete Kontexte einer Sammlung
Der Sammler Oskar Reinhart war ein herausragender Kenner der Kunst. Der Aufbau seiner Sammlung war jedoch in wirtschaftliche, gesellschaftliche und historische Kontexte eingebettet, die heute kritisch zu reflektieren sind.
Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den kolonialen Verflechtungen im Umfeld der Handelsfirma Volkart & Cie, an der Reinhart beteiligt war. Darüber hinaus stellen sich Fragen nach der Herkunft von Kunstwerken, nach Praktiken des Kunsthandels sowie nach dem Umgang mit historisch belastetem Kulturgut im 20. Jahrhundert – insbesondere im Kontext von NS-verfolgungsbedingtem Entzug.
Die Veranstaltungsreihe nimmt diese unterschiedlichen Aspekte in den Blick und lädt zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit der Geschichte der Sammlung und ihrer Bedeutung in der Gegenwart ein.
Programm
Mittwoch, 3. Juni 2026 · 18.00 Uhr
Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz», Winterthur
Handelsstrukturen und ihre sozialen Auswirkungen – am Beispiel der Firma Gebrüder Volkart
Die Veranstaltungsreihe wird eröffnet durch Carine Bachmann, Direktorin des Bundesamts für Kultur. Im anschliessenden Gastvortrag beleuchtet Prof. Dr. Christof Dejung die globalen Handelsstrukturen der Firma Gebrüder Volkart und deren soziale Auswirkungen.
In einem Round Table diskutieren Carine Bachmann, Christof Dejung und die Künstlerin und Forscherin Denise Bertschi über wirtschaftliche Netzwerke, koloniale Verflechtungen und deren Nachwirkungen bis in die Gegenwart. Moderiert wird das Gespräch von Daniel Fanslau, der als Vermittler zwischen unterschiedlichen Perspektiven den Dialog strukturiert.
Christof Dejung ist Professor für Neueste Allgemeine Geschichte an der Universität Bern und hat mit seiner Studie zur Handelsfirma Volkart eine der ersten umfassenden Analysen globaler Handelsnetzwerke vorgelegt. Denise Bertschi beschäftigt sich in ihrer künstlerischen und wissenschaftlichen Arbeit intensiv mit der Kolonialgeschichte der Schweiz.
Im Anschluss besteht Gelegenheit zum Austausch mit dem Publikum.
Samstag, 19. September 2026 · 17.00 Uhr
Treffpunkt: Volkart Haus, Turnerstrasse
Dunkle Geschäfte – Spuren des Welthandels in Winterthur heute
Im Rahmen der Winterthurer Kulturnacht führt ein Stadtrundgang zu Orten, an denen sich die globalen Verflechtungen Winterthurs bis heute ablesen lassen. Die Führung wird in Kooperation mit dem Verein Kehrseite Winterthur durchgeführt.
Unter der Leitung von Natalie von Riedmatten eröffnet sich den Teilnehmenden eine neue Perspektive auf scheinbar vertraute Stadträume. Sichtbar werden historische Zusammenhänge des Rohstoffhandels sowie deren soziale und politische Dimensionen.
Der Verein Kehrseite Winterthur widmet sich in seinen Rundgängen Themen wie dem kolonialen Erbe der Stadt, Rassismus sowie globalen Krisen- und Konfliktzusammenhängen.
Donnerstag, 12. November 2026 · 17.30 Uhr
Stadtarchiv im Stadthaus Winterthur
Photographische Zeugnisse – was sie belegen und was sie verschweigen
Diese Veranstaltung entsteht in Kooperation mit der Fotostiftung Schweiz und widmet sich dem Fotoarchiv der Volkartstiftung, das im Stadtarchiv Winterthur aufbewahrt wird.
Anhand ausgewählter Photographien, die rund 70 Jahre Firmengeschichte und Aktivitäten in Indien dokumentieren, geben Madleina Deplazes und Kerstin Richter Einblick in den Bestand. Thematisiert wird, was photographisch dokumentiert wurde, aber auch, was wir aus heutiger Perspektive auf den erhaltenen Abbildungen vermissen.
Im Zentrum stehen Fragen nach Authentizität, Blickregimen und historischen Sehgewohnheiten sowie deren Wirkung bis heute. Die Veranstaltung ist dialogisch angelegt und lädt das Publikum zur aktiven Diskussion ein.
Madleina Deplazes leitet die Sammlung der Fotostiftung Schweiz, Kerstin Richter ist Leiterin der Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz».
Anmeldung erforderlich bis 11. November: sorfuehrungen@bak.admin.ch
Mittwoch, 27. Januar 2027 · 17.30 Uhr
Archiv der Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz»
Provenienzforschung im Römerholz – was wissen wir, was sind offene Fragen?
Kunstwerke gelangen oft auf komplexen und nicht immer transparenten Wegen in eine Sammlung. Häufig bestehen Lücken in ihrer Herkunftsgeschichte. Die Provenienzforschung setzt genau hier an und versucht, diese Lücken zu schliessen.
Das Archiv der Sammlung «Am Römerholz» stellt dabei einen bedeutenden Wissensspeicher dar, der sowohl für interne Recherchen als auch für die internationale Forschung von grossem Wert ist.
Kerstin Richter gibt anhand konkreter Beispiele Einblick in die Arbeit mit dem Nachlassarchiv und thematisiert den Umgang mit Werken, deren Provenienz im Kontext von Verfolgung, Flucht, Entzug oder erzwungenen Verkäufen zwischen 1933 und 1945 steht.
Anmeldung erforderlich bis 26. Januar: sorfuehrungen@bak.admin.ch
6 Mittwoch, 3. März 2027 · 17.30 Uhr
Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz»
Der Umgang der Museen des Bundesamts für Kultur mit historisch belasteten Kulturgütern
In dieser Veranstaltung gibt Benno Widmer Einblick in die Praxis des Bundesamts für Kultur im Umgang mit historisch belasteten Sammlungsbeständen.
Im Zentrum stehen Fragen nach Zuständigkeiten, methodischen Ansätzen und aktuellen Herausforderungen. Dabei wird deutlich, in welchem Spannungsfeld sich Museen bewegen, wenn es um die Erforschung, Einordnung und Vermittlung solcher Objekte geht.
Benno Widmer leitet die Sektion Museen und Sammlungen des Bundesamts für Kultur in Bern und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit kulturpolitischen und sammlungsbezogenen Fragestellungen.
Im Anschluss an die Präsentation besteht die Möglichkeit zur Diskussion.
Mittwoch, 14. April 2027 · 17.30 Uhr
Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz»
Kolonial verflochten, kolonial belastet – oder was sonst? Ein Versuch der Begriffsklärung
Der Vortrag von Esther Tisa Franchini widmet sich der Frage, wie koloniale Kontexte heute angemessen beschrieben und eingeordnet werden können.
Ausgehend von der Arbeit am Museum Rietberg in Zürich, das eine international bedeutende Sammlung aussereuropäischer Kunst beherbergt, werden unterschiedliche Erwerbskontexte und deren Bewertung diskutiert. Im Fokus stehen Fragen nach der Herkunft von Objekten, der Legitimität ihres Besitzes sowie nach Formen einer verantwortungsvollen Präsentation.
Esther Tisa Franchini leitet die Provenienzforschung am Museum Rietberg und ist spezialisiert auf die Aufarbeitung kolonialer Sammlungsgeschichten.
Mittwoch, 2. Juni 2027 · 17.30 Uhr
Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz»
Geschichte als Zumutung? Kontroverse Bildwelten in der Bundeskunstsammlung
Die Werke der Bundeskunstsammlung prägen öffentliche Räume im In- und Ausland und sind damit Teil staatlicher Repräsentation.
In dieser Veranstaltung beleuchtet Andreas Münch den Umgang mit Darstellungen, die heute als stereotyp, exotisierend oder diskriminierend wahrgenommen werden können. Diskutiert werden Möglichkeiten der Kontextualisierung sowie konkrete Handlungsoptionen im Umgang mit solchen Werken – vom Belassen über Kommentieren bis hin zu Neuplatzierungen oder Ergänzungen.
Andreas Münch ist Leiter der Kunstsammlungen des Bundes.
Alle Veranstaltungen sind gratis und der Museumseintritt ist inbegriffen.
